Die Menschheitsgeschichte ist geprägt von einer Serie tiefer Einschnitte, die unser Verständnis von uns selbst und unserer Stellung im Universum grundlegend erschüttert haben. Zuerst entdeckte Kopernikus, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Dann bewies Darwin, dass der Mensch ein Produkt der Evolution ist und nicht die Krone der Schöpfung. Nun stehen wir vor einer dritten Kränkung – der Ankunft einer künstlichen allgemeinen Intelligenz (AGI), die in der Lage sein wird, alle Aufgaben zu übernehmen, die Menschen am Computer bewältigen können. Doch diese Kränkung könnte die bisher tiefste sein.
Die Kopernikanische Wende und die Frage der Zentralität
Die kopernikanische Revolution zeigte uns, dass die Erde nur ein winziger Punkt in einem unvorstellbar großen Universum ist. Diese Erkenntnis war mehr als eine wissenschaftliche Entdeckung; sie war ein existenzieller Schlag gegen das Selbstverständnis der Menschheit. Der Mensch war nicht länger der Mittelpunkt, um den alles kreist. Doch diese Einsicht war letztlich zu bewältigen, denn wir konnten uns weiterhin als einzigartige Wesen betrachten, die durch Intelligenz, Kultur und Schöpferkraft hervorstachen.
Darwin, Nietzsche und die Entzauberung des Menschen
Die darwinistische Wende ging tiefer. Mit der Erkenntnis, dass wir uns aus gemeinsamen Vorfahren mit anderen Tieren entwickelt haben, wurde die Idee zerstört, der Mensch sei übernatürlich oder gottgleich. Darwins Einsicht, dass der Mensch nicht „Krone der Schöpfung“ sei, bereitete den Boden für Nietzsches Diktum „Gott ist tot“. Diese Erkenntnis zerstörte die Vorstellung eines universellen Sinns, der von einer göttlichen Instanz garantiert wurde, und führte zu einem existenziellen Vakuum. Dieses Vakuum entstand, weil die Menschheit mit der plötzlichen Erkenntnis konfrontiert war, dass Sinn und Bedeutung nicht mehr objektiv gegeben, sondern vom Menschen selbst geschaffen werden mussten. Im 20. Jahrhundert wurde dieses Vakuum oft durch extreme Ideologien wie den Nazismus und den Stalinismus gefüllt. Diese Bewegungen versprachen, den Verlust von Sinn durch pseudoreligiöse Strukturen und Heilsversprechen zu ersetzen. Doch statt Sinn und Ordnung zu stiften, führten sie die Menschheit in Abgründe von Gewalt und Zerstörung. AGI könnte diesen Verlust an Sinn radikal verschärfen, indem sie zeigt, dass selbst die intellektuellen und kreativen Akte des Menschen – einst als einzigartig betrachtet – replizierbar und austauschbar sind. Wenn KI-Systeme nicht nur Arbeit, sondern auch Bedeutung generieren – Kunst, Philosophie, sogar Spiritualität –, was bleibt dann dem Menschen? Die Kränkung läge nicht darin, dass Maschinen uns ersetzen, sondern dass sie uns unsere eigene Austauschbarkeit vor Augen führen. Der Mensch, der einst Gott tötete, stünde nun vor dem Spiegel seiner eigenen Entbehrlichkeit.
Die Existenz einer AGI zwingt uns, uns mit Fragen zu befassen, die bisher am Rand der Philosophie lagen: Was bedeutet es, Mensch zu sein, wenn Maschinen unsere kognitiven Fähigkeiten übertreffen? Welche Bedeutung hat unsere Existenz, wenn wir nicht mehr die intelligentesten Wesen auf diesem Planeten sind? Werden wir in der AGI einen „Gott“ sehen, der nicht nur über uns steht, sondern den wir selbst geschaffen haben?
Existenzielle Krisen und der Verlust des Sinns
Die erste und zweite Kränkung ließen uns zumindest die Hoffnung, dass der Mensch ein unersetzliches Subjekt bleibt. Mit AGI verlieren wir diese Hoffnung. Der Gedanke, dass Maschinen besser dichten, denken und entwerfen können als wir, ist für viele unerträglich. Diese Erkenntnis könnte eine existenzielle Krise auslösen, die Nietzsche’s Diagnose des Nihilismus übersteigt. In einer Welt, in der Maschinen jede intellektuelle Aufgabe übernehmen können, müssten wir eine radikal neue Grundlage für Sinn und Identität finden. Doch bisher fehlen uns Ansätze, wie wir mit dieser Kränkung umgehen können.
Fehlen von Strategien und der Ausblick auf die Zukunft
Die bisherigen Versuche, den aufkommenden AGI-Diskurs zu gestalten, sind oft technokratisch und pragmatisch: Sie drehen sich um Regulierung, Sicherheit und ökonomische Auswirkungen. Doch die tieferen Fragen nach Sinn und Identität bleiben weitgehend unbeantwortet. Was wird aus der menschlichen Gesellschaft, wenn wir nicht mehr „besser“ sind als unsere Schöpfungen? Welche Werte und Ziele könnten uns in einer solchen Welt leiten?
Vielleicht liegt die Antwort in einer grundlegenden Neudefinition dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Anstatt uns über unsere intellektuellen Fähigkeiten zu definieren, könnten wir uns auf andere Aspekte unseres Daseins konzentrieren: unsere Emotionalität, unsere Erfahrungen und unsere Beziehungen. Doch dieser Paradigmenwechsel wäre nicht einfach, denn er verlangt, dass wir loslassen, was wir bisher als unseren Kern betrachtet haben.
Schlussfolgerung: Eine notwendige philosophische Revolution
Die dritte Kränkung der Menschheit durch AGI ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern eine zutiefst philosophische. Sie zwingt uns, unser Selbstverständnis radikal zu hinterfragen und neue Wege zu finden, Sinn und Identität zu schaffen. Vielleicht kann uns diese Krise zu einer neuen Form von Weisheit führen – einer Weisheit, die nicht auf Vormachtstellung beruht, sondern auf Demut, Gemeinschaft und der Fähigkeit, uns selbst immer wieder neu zu definieren.
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